Es gibt ein Versprechen, das sich durch jede AI-Keynote, jedes Produktvideo und jeden LinkedIn-Post zieht: AI wird dich entlasten. Weniger Routinearbeit. Weniger Boilerplate. Weniger stumpfes Abarbeiten. Mehr Zeit für das Wesentliche.
Das klingt gut. Es klingt logisch. Und es ist nicht falsch.
Aber es ist nur die halbe Wahrheit.
Die andere Hälfte: Wer AI ernsthaft in seinen Arbeitsalltag integriert, arbeitet nicht weniger. Er arbeitet anders. Und dieses "anders" ist anstrengender, als die meisten zugeben.
Mehr Output, mehr Last
Die Rechnung geht so: AI übernimmt die Implementierung. Du reviewst, bewertest, steuerst. Das Feature, das früher drei Tage gedauert hat, steht nach einem halben Tag. Großartig. Aber was passiert mit den restlichen zweieinhalb Tagen?
Du füllst sie. Nicht mit Freizeit. Mit dem nächsten Feature. Dem nächsten Review. Der nächsten Bewertung.
Vor AI hat ein Entwickler vielleicht zwei, drei Themen am Tag bearbeitet. Etwas implementieren, ein Code Review machen, ein kurzes Gespräch über eine Architekturentscheidung. Dazwischen: Phasen des Tippens, in denen der Kopf im selben Thema bleiben konnte. Monoton, aber stabil.
Mit AI fällt das weg. Stattdessen: Review eines generierten Moduls. Neues Thema. Bewertung eines Architekturvorschlags. Neues Thema. Prüfung einer Teststrategie. Neues Thema. Einordnung eines Refactoring-Ansatzes. Neues Thema.
Am Ende des Tages hast du das Zehnfache an Output. Und du bist erschöpft auf eine Art, die sich anders anfühlt als nach einem Tag intensiven Programmierens. Nicht die gute Erschöpfung nach acht Stunden im Flow. Sondern die zerfaserte Müdigkeit nach hundert kleinen Bewertungen, die jede für sich trivial wirken, aber in der Summe den Kopf leer räumen.
Wenn jede Antwort eine neue Frage erzeugt
Früher hat ein Entwickler entschieden, wie er ein Feature implementiert. Eine große Entscheidung, dann Umsetzung. Heute generiert die AI drei Varianten – und du wählst. Dann generiert sie Tests – und du prüfst, ob die Szenarien stimmen. Dann schlägt sie ein Refactoring vor – und du wägst ab, ob es den Aufwand wert ist.
Jede einzelne Abwägung ist klein. Aber es sind Dutzende am Tag. Und ab einem gewissen Punkt sinkt die Qualität, mit der du sie triffst. Nicht weil du nachlässig wirst, sondern weil der Kopf irgendwann voll ist.
Das Tückische: Es fühlt sich nicht nach Arbeit an. Du tippst weniger. Du sitzt nicht acht Stunden vor einem komplexen Algorithmus. Von außen sieht es leichter aus. Aber abends sitzt du auf dem Sofa und kannst keine einfache Frage mehr beantworten.
Der versteckte Preis des Springens
Jeder kennt das: Du wechselst von einem Thema zum nächsten und brauchst fünfzehn, zwanzig Minuten, bis du wirklich drin bist. Das war schon immer so. Aber es war beherrschbar, weil die Wechsel natürlich begrenzt waren. Du hast an einem Feature gearbeitet, manchmal den ganzen Tag.
AI komprimiert diesen Rhythmus. Wenn ein Feature in zwei Stunden statt zwei Tagen steht, springst du viermal am Tag statt einmal. Aber die zwanzig Minuten Anlaufzeit pro Sprung bleiben gleich.
Hochgerechnet ist das eine Stunde pro Tag, in der du dich nur orientierst. Eine Stunde, die in keiner Metrik auftaucht. Du spürst sie als dieses diffuse Gefühl, den ganzen Tag beschäftigt gewesen zu sein, ohne wirklich etwas bewegt zu haben.
Die Falle der Verfügbarkeit
Es gibt noch einen Effekt, über den kaum gesprochen wird: AI macht dich permanent verfügbar – für dich selbst.
Früher gab es natürliche Pausen. Du wartest auf den Build. Auf das Review eines Kollegen. Auf eine Antwort aus dem Fachbereich. Diese Wartezeiten waren erzwungene Unterbrechungen, in denen der Kopf im Hintergrund weiterarbeiten konnte. Sortieren, verknüpfen, Abstand gewinnen.
AI eliminiert diese Pausen. Der Code ist sofort da. Das Review dauert Sekunden. Die erste Einschätzung steht, bevor du die Frage fertig formuliert hast.
Das klingt nach Effizienz. Aber es ist auch der Verlust von etwas, das wir brauchen: Leerlauf. Manche der besten Architekturentscheidungen entstehen nicht vor dem Bildschirm, sondern auf dem Weg zur Kaffeemaschine. Nicht weil Kaffee hilft, sondern weil der Kopf drei Minuten Ruhe hatte.
Ein ehrliches Gespräch über Grenzen
Die Branche braucht ein ehrlicheres Gespräch über den Umgang mit AI. Nicht das Marketing-Gespräch – „10x Productivity!“ – sondern das unter Erwachsenen: Wie viel ist zu viel?
Das Risiko ist nicht, dass AI uns die Arbeit wegnimmt. Das Risiko ist, dass sie uns mehr davon gibt, als wir verarbeiten können. Und dass wir es nicht merken, weil der Output stimmt. Du lieferst ja mehr. Du bist ja effizienter.
Aber ab welchem Review am Tag fängt die Sorgfalt an zu sinken? Ab dem zehnten? Dem achten? Und was passiert, wenn eine müde Freigabe ein Architekturproblem übersieht, das erst in sechs Monaten auffliegt?
Geschwindigkeit ohne Grenzen ist nicht Produktivität. Es ist Verschleiß.
Was ein gesunder Umgang bedeuten könnte
Ich habe keine fertige Formel. Aber ein paar Gedanken.
Nicht jedes Thema, das die AI in dreißig Minuten liefert, muss sofort das nächste anstoßen. Die alte Praxis, sich einen Vormittag auf ein Thema zu konzentrieren, hat einen Wert, der nichts mit Geschwindigkeit zu tun hat. Tiefe braucht Zeit im selben Kontext.
Pausen sind keine Ineffizienz. Wenn die natürlichen Wartezeiten wegfallen, muss man sich den Leerlauf bewusst nehmen. Nicht als Wellness, sondern weil man nachmittags bessere Arbeit abliefert, wenn man mittags einmal den Kopf freigemacht hat.
Und vor allem: Nicht alles, was AI an Output ermöglicht, muss auch realisiert werden. Ein Chirurg, der nach der zehnten Operation sagt „Für heute reicht es“, wird dafür respektiert. Ein Entwickler, der nach dem achten Review sagt „Ab hier sinkt meine Sorgfalt“, sollte das auch werden.
Die Ironie
AI sollte uns von Routinearbeit befreien, damit wir uns auf das Wesentliche konzentrieren können. Das Denken. Die Kreativität. Die schwierigen Abwägungen.
Aber genau das ist der anstrengendste Teil der Arbeit. Der Teil, von dem man müde wird. Der Teil, der Grenzen hat.
AI hat nicht die schwere Arbeit weggenommen. Sie hat die leichte weggenommen und nur die schwere übrig gelassen. Acht Stunden am Tag, ohne die natürlichen Rhythmen, die das Programmieren uns früher aufgezwungen hat.
Das ist kein Argument gegen AI. Es ist ein Argument dafür, ehrlich mit sich selbst zu sein. Dafür, dass „mehr“ nicht automatisch „besser“ bedeutet. Und dass die wichtigste Fähigkeit im Umgang mit AI nicht prompten ist, sondern pausieren.
Die beste AI-Kompetenz, die niemand lehrt: wissen, wann man aufhört.